Fallbeispiel Somatic Experience


Eine 62 jährige Klientin mit Traumafolgestörungen aufgrund eines Entwicklungstraumas mit elterlicher seelischer Vernachlässigung kommt zu mir und sagt, sie fühle nichts Positives und keine Freude mehr. 
Ich frage sie, ob sie ihre Füsse auf dem Boden spürt. Sie sagt, sie spüre ihr pochendes, schmerzendes Herz. 
Ich sage ihr, dass wir uns ihr Herz aufjedenfall noch anschauen werden und wir es nicht vergessen, aber dass ich sie jetzt erstmal bitten würde, zu ihren Füsse hin zu spüren. Sie sagt, dass sie ihre Füsse kaum spüren würde, sondern es sich überall nur schlimm anfühle. Ich frage sie, ob es irgendwo einen Bereich gibt, wo es nicht ganz so verheerend ist, sondern einigermaßen aushaltbar. Sie zögert, verneint dann aber. Ich frage sie, ob sich z.B. ihr kleiner Zeh genauso schlimm anfühlen würde wie ihr Herz oder etwas weniger schlimm. Sie fühlt nochmal rein und meint dann, dass es dort nicht ganz so schlimm wäre wie in ihrem Herzen. Ich frage sie, ob die Empfindung in ihrem Zeh aushaltbar wäre. Sie bejaht es. Ich frage weiter, ob da auch so etwas wie Entspannung zu fühlen wäre. Sie verneint und meint, es wäre nur aushaltbar. Ich frage sie, ob es sich ok anfühlen würde. Sie bejaht. Ich frage weiter, was noch zu dem ok gehört, ob sie dazu eine Farbe assoziieren kann, sie sagt blaugrau, ich frage sie ob der Zeh eher warm oder kalt ist, sie sagt mittel, dann frage ich sie nach dem danebenliegenden Zeh usw... Nach weiteren ca 30 Minuten Körpergewahrsein fühlt sie ihre beiden Füße als nicht nur "ok", sondern als entspannt, warm und mit dem Boden verbunden. Sie geht aus der Sitzung mit einem guten, geerdeten Gefühl und sagt zum Abschied erstaunt und fast munter, dass sie sich noch nie so ausführlich ihrem Fuß gewidmet hätte und sie ihren Körper bisher meist verbunden mit negativen Gefühlen wahrgenommen habe.

Hier zeigt sich, die behutsame Herangehensweise im Somatic Experience. Sehr häufig sind positive Körpergefühle und damit verbundene positive Emotionen in akut belasteten Situationen nicht zugänglich, da die oftmals mit Belastung einhergehenden sehr stark aufgeladenen Empfindungen wie Aufgewühltsein, Angst, Panik, Erstarrung usw. sich meist sehr dominant darstellen und die Aufmerksamkeit "einfrieren".
Im Somatic Experience geht es nun darum, diese Aufmerksamkeit von der starken Belastung hin zu einem Gefühl des "Aushaltenkönnens" des sich "Ok-Fühlens" zu lenken und mehr und mehr Wohlbefinden zu integrieren, nach der Regel "das Bewusstsein folgt der Aufmerksamkeit". Nach und nach etabliert sich dadurch eine neue, erweiterte Aufmerksamkeit und neue Räume des Empfindens.
Dies führt zu mehr Entlastung und Selbstwirksamkeit. Der Klient erlebt sich als nicht mehr als "ausgeliefert", sondern er lernt zu pendeln zwischen den Empfindungen und stärkt dadurch die positiven Ressourcen.